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CHAPTERS Group: Der Compounder, den die HGB-Bilanz versteckt

Ein nicht-cash-Verlust, ein 64%-FCF-CAGR und eine Bewertung, die schon alles einpreist — CHG nach Leonard.

ROIC exkl. Akq.-Intangibles (norm.)
~19 %
Kerngeschäft, operativ
ROIC inkl. Akq.-Intangibles (norm.)
~4 %
auf bezahlten Kaufpreis < WACC 7,9 %
FCF-CAGR 2021–2025
64 %
echter Cash, nicht-cash Verlust
Fair Value Base (FCFE)
14,4 €
vs. Kurs 31,35 € → −54 %

Der Konsens ist schnell gefunden, man muss nur in ein beliebiges Aktienforum schauen: „EV/Revenue über 12x für einen Laden mit limitiertem organischem Wachstum — stupid German money." CHAPTERS Group meldet für 2025 einen Nettoverlust von 29,7 Mio. €, ein negatives KGV, ein EPS von −0,69 €. Auf dem Papier sieht das aus wie ein überteuerter Verlustbringer.

Diese Lesart verwechselt Buchhaltung mit Ökonomie. CHAPTERS ist ein Serial Acquirer im Stil von Constellation Software — nur dass er nach HGB bilanziert. Und genau hier dreht sich der Befund um: Die deutsche Rechnungslegung zwingt zu einer planmäßigen Goodwill-Abschreibung, die das Ergebnis künstlich ins Negative drückt, während der Cash ungebremst wächst. Wer den Kaufpreis-Effekt herausrechnet — die Leonard-Logik — sieht ein hochkapitaleffizientes Kerngeschäft. Die eigentliche Frage ist nicht, ob CHG profitabel ist. Sie ist es. Die Frage ist, ob der Markt das längst eingepreist hat.

Warum CHAPTERS interessant ist

CHAPTERS investiert in kleine und mittelgroße Unternehmen mit mission-kritischen digitalen Lösungen. Das ist im Kern dieselbe Logik, die auch Constellation Software über Jahrzehnte erfolgreich gemacht hat: fragmentierte Nischen, hohe Wechselkosten, stabile Kundenbeziehungen und die Möglichkeit, viele kleine Cashflows in ein größeres Kapitalallokationssystem zu verwandeln.

Für 2025 meldete CHAPTERS starke pro-forma Kennzahlen und für 2026 einen weiteren Schritt in Richtung organisches Wachstum. Besonders relevant ist dabei nicht nur das Umsatzwachstum, sondern die Verbesserung der operativen Hebel: Das Unternehmen erwartet für 2026 organisches Umsatzwachstum von 7 bis 9 Prozent sowie organisches EBITDA-Wachstum von 14 bis 17 Prozent.

Das Fundament: ein nicht-cash Verlust

Bei einem IFRS-Serial-Acquirer wie Constellation versteckt die Amortisation gekaufter Customer- und Technology-Assets die wahre Ertragskraft; Goodwill bleibt dort unangetastet. Bei CHG ist es umgekehrt: HGB erzwingt die lineare Goodwill-Abschreibung über zehn Jahre. 2025 waren das 35,5 Mio. € Goodwill plus 8,3 Mio. € PPA-Intangibles — zusammen 43,9 Mio. €, die durch die GuV laufen und das EBIT auf −22,85 Mio. € drücken.

Die Trennung „inkl./exkl. Goodwill" greift hier zu kurz. Ökonomisch sind auch die aktivierten Marken und Softwarewerte Teil des bezahlten Kaufpreises. Ich trenne daher inkl./exkl. aller Akquisitions-Intangibles. Das ergibt die entscheidende Brücke:

Position EUR Mio.
Reported EBIT−22,85
+ Goodwill-Amortisation (HGB-Pflicht)+35,54
+ PPA-Intangibles (aus Kaufpreis)+8,33
= Leonard-EBIT (exkl. Akq.-Intangibles)+21,02
Der Verlust ist Buchhaltung, kein Cash-Problem
Die Cashflow-Historie macht aus der These eine Tatsache. 2025: Nettoverlust −29,7 Mio. €, aber operativer Cashflow +18,5 Mio. € und Free Cash Flow +16,8 Mio. €. Die Goodwill-/Intangible-Amortisation übersteigt den Verlust um das 1,5-fache.

Und der Cash wächst nicht zufällig, sondern stetig:

Free Cash Flow in EUR Mio. — CAGR 64% (2021–2025)
2,3
2021
4,0
2022
4,9
2023
7,9
2024
16,8
2025
Aufbauphase FCF-Marge stabil 7–9 %

ROIC nach Leonard: zwei Wahrheiten

NOPAT auf Basis des Leonard-EBIT, Steuersatz 30 % (cash-validiert: die tatsächliche Cash-Steuerquote lag 2025 bei ~31 %), ergibt 14,7 Mio. €. Gegen das investierte Kapital in beiden Varianten:

Kennzahl NOPAT Inv. Kapital ROIC Spread (WACC 7,9 %)
INKL. Akq.-Intangibles (bezahlter Kaufpreis)14,7563,42,6 %−5,3 pp
EXKL. Akq.-Intangibles (Kerngeschäft)14,7113,213,0 %+5,1 pp

Normalisiert man 2025 um die Einmal-Lasten — drei Public-Sanierungsfälle (−10,1 Mio. € negatives EBITDA, zurückadjustiert), FinTech-Merger-Kosten, Bond-Platzierung — steigt der ROIC exkl. auf rund 19 % und der ROIC inkl. auf rund 4 %.

Das Kerngeschäft ist hochkapitaleffizient. Auf den bezahlten Kaufpreis verdient CHG aktuell aber nicht die Kapitalkosten. Genau das trennt einen frühphasigen Serial Acquirer vom reifen Constellation.

Woher die Wertschaffung kommt — und das Leverage-Problem

Wertschaffung ∝ (ROIC − WACC) × Reinvestitionsquote × Wachstum. Der Kern ist kapitalextensiv: organischer CapEx von nur 1,7 Mio. € bei hoher Cash-Conversion. Das Wachstum kommt fast vollständig aus M&A — 131,8 Mio. € Akquisitions-Cash 2025, das 7,8-fache des FCF. Finanziert wird das extern, diszipliniert über die konzerninterne 10%-Gesellschafterdarlehens-Hürde, die nur Zukäufe mit Renditen deutlich darüber zulässt.

Das Compounder-Flywheel
01
Akquirieren
Mission-kritische Vertical-Software, Nachfolge-Situationen, 10%-Hürde als Filter
02
Manuscript Method
Pricing-Reviews, Benchmarking, Best-Practice-Sharing über 60+ OpCos
03
Cash hochfahren
Margen-Normalisierung der Zukäufe, FCF wächst mit 64 % CAGR
04
Reinvestieren
Keine Dividende — voller Reinvest in neue OpCos, Flywheel dreht weiter

Doch die Cashflow-Historie deckt die Achillesferse auf, die das Konzern-ROIC-Bild überzeichnet:

Die Zinslast eskaliert
Cash-Zinsen stiegen von 0,4 Mio. € (2021) auf 11,5 Mio. € (2025) — eine Ver-28-fachung. Sie fressen inzwischen 62 % des operativen Cashflows. Folge des 72-Mio.-Bonds zu 7 % plus Akquisitionskrediten (Net-Debt/EBITDA 3,87x). Solange der ROIC inkl. unter der WACC liegt, verteuert jeder weitere fremdfinanzierte Zukauf diese Schere.

Hinzu kommt: Ein erheblicher Teil des Cashflows gehört gar nicht den CHG-Aktionären. Die Minderheiten machen 89,7 Mio. € von 313,6 Mio. € Konzern-Eigenkapital aus — 29 %. Der größte EBITDA-Block (FinTech, ~39 % des adjustierten EBITDA) gehört CHG nur zu 61,7 %. Vom reported FCF von 16,8 Mio. € bleiben dem CHG-Aktionär grob ~12 Mio. €.

Die operative Qualität

Die operative Qualität ist höher, als es das HGB-Ergebnis nahelegt. Für das Kerngeschäft ergibt sich ein ROIC exklusive Akquisitions-Intangibles von rund 19 Prozent — für ein Wachstumsunternehmen mit M&A-Fokus ein starkes Niveau. Noch wichtiger ist die Cashflow-Entwicklung: Der Free Cash Flow stieg zwischen 2021 und 2025 mit einer CAGR von 64 Prozent. In einem Serial-Acquirer-Modell ist diese Entwicklung oft wichtiger als die kurzfristige Gewinnzeile.

Kennzahl Wert Einordnung
Nettoergebnis 2025−29,7 Mio. €HGB-verzerrt
Free Cash Flow 202516,8 Mio. €Positiv trotz HGB-Verlust
FCF-CAGR 2021–202564 %Sehr stark
ROIC exkl. Akq.-Intangibles~19 %Kapitaleffizientes Kerngeschäft
ROIC inkl. Akq.-Intangibles~4 %Auf bezahlten Kaufpreis schwach

Die Optionalität: KI als Flywheel-Beschleuniger

Mit CTO Tobias Pook (seit Oktober 2025) treibt CHG eine portfolioweite KI-Initiative: AI Hub, Maturity Framework, die Momentum-Initiative. Die Logik — „from systems of record to systems of action" — ist überzeugend: Die OpCos sitzen auf jahrzehntelang gewachsenen, strukturierten Kundendaten, die kein KI-Startup über Nacht repliziert. Erste ARR entsteht bereits (Icomedias bei der Polizei, HUP im Verlagswesen). Aber: Der breite Portfolio-Impact wird erst ab 2027 erwartet. Das ist Optionalität, keine Basiserwartung — und gehört nicht in den Bewertungskern.

Bewertung: zwei Methoden, ein Ergebnis

Ich bewerte den heutigen Owner-Cashflow über ein FCFE-Modell — gehebelter FCF nach Zinsen, direkt mit Eigenkapitalkosten diskontiert, ohne erneuten Net-Debt-Abzug.

Bear — Ke 9,5 %
7,68 €
−76 %
FCF₀ 11,0 Mio. €
Wachstum 8 %
Terminalwachstum 1,5 %
Margen-Normalisierung enttäuscht
Base — Ke 8,55 %
14,39 €
−54 %
FCF₀ 12,5 Mio. €
Wachstum 14 %
Terminalwachstum 2,5 %
DCF-Ankerwert
Bull — Ke 8,0 %
24,56 €
−22 %
FCF₀ 14,0 Mio. €
Wachstum 20 %
Terminalwachstum 3,0 %
M&A-Maschine skaliert

Kein Szenario rechtfertigt den Kurs von 31,35 € — selbst der Bull-Case liegt 22 % darunter. Nun unterschätzt ein FCFE-DCF einen Aufbau-Serial-Acquirer per Konstruktion, weil er die M&A-Maschine nicht kapitalisiert. Deshalb die Gegenprobe über ein EBITDA-Multiple (adj. EBITDA OpCos 49,1 Mio. €, abzüglich Net Debt und ~27 % Minderheiten):

EV/EBITDA Equity CHG (Mio.) je Aktie vs. Kurs
14x39916,73 €−47 %
16x47119,74 €−37 %
18x54222,75 €−27 %
20x61425,75 €−18 %

Der aktuelle EV/EBITDA liegt bei ~19,9x. Beide Methoden konvergieren auf dieselbe Aussage: Der Markt preist bereits einen erfolgreichen Compounder ein, der in Wachstum und Margen hineinwächst.

Bär gegen Bulle

Bull — was funktioniert
+Kerngeschäft mit ~19 % ROIC exkl. — echter, kapitaleffizienter Compounder-Motor
+FCF-CAGR 64 %, nicht-cash Verlust ist HGB-Artefakt
+Disziplinierte Kapitalallokation über 10%-Hürde, keine Dividende
+Guidance 2026: organisch +7–9 % Output, +14–17 % EBITDA — klare Beschleunigung
+KI-Optionalität ab 2027 auf einzigartiger Datenbasis
Bear — was schiefgehen kann
ROIC inkl. Kaufpreis < WACC: jede Akquisition zu heutigen Preisen zerstört rechnerisch Wert
Zinsdienst frisst 62 % des CFO — teuerste Aufbauphase
~27 % des Cash gehören Minderheiten; FinTech nur 61,7 % CHG
VSOP verwässert (Strike 22,27 €, Cap bei Aktienkurs > 46 €)
Bewertung bei 20x EBITDA ohne Margin of Safety

Fazit

CHAPTERS Group ist ein struktureller Constellation-Klon mit echtem, kapitaleffizientem Kern — aber zwei Dinge unterscheiden ihn scharf vom reifen Vorbild. Erstens maskiert HGB die Profitabilität: Der Verlust ist Buchhaltung, der Cash wächst mit 64 %. Zweitens liegt der ROIC auf den bezahlten Kaufpreis noch unter den Kapitalkosten, und der Eigentümer-Cashflow ist durch Leverage und Minderheiten deutlich schmaler als der Konzern-Headline suggeriert.

Die Investmentfrage ist damit präzise: Der Einstieg ist eine Wette auf die Margen-Normalisierung 2026/27 und das Hineinwachsen in die Zinslast — nicht auf einen Substanz-Discount. Beide Bewertungsmethoden zeigen beim Kurs von 31,35 € eine negative Margin of Safety.

Einordnung
Urteil: Watchlist, keine Kernposition. Eine kleine, beobachtende Tranche wäre vertretbar; eine signifikante Allokation verlangt entweder einen tieferen Kurs (Richtung 20–22 € für echten Puffer) oder den belastbaren Nachweis, dass der ROIC inkl. die WACC-Schwelle durchbricht. Für Qualitätsinvestoren ist CHAPTERS damit eher ein Name für die Watchlist als für eine große Erstposition. Position Sizing entsprechend.
Disclaimer: Keine Anlageberatung. Eigene Recherche und Risikobereitschaft sind Voraussetzung. Der Autor kann Positionen in den genannten Wertpapieren halten. Quelle: Geschäftsbericht 2025 (HGB-Konzernabschluss, geprüft BDO, unqualifiziertes Testat) sowie TIKR-Marktdaten zum Stichtag 05.06.2026. Alle Annahmen gegen das Original-Filing zu verifizieren.